februar 2017 | monatsrückblick

26 Februar 2017

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f e r i e n
Anaïs: Heute ist der letzte Ferientag und wir können auf echt wunderschöne Ferienwochen zurückschauen. Ich hatte dieses Jahr ein wenig Spezialprogramm. Die erste Woche bin ich in den Bergen mit meiner Familie Skifahren gegangen und in einer sonnigen Februarwoche haben wir das Wetter auf der Piste geniessen können. Wir hatten dichtes Programm - viele unserer Freunde waren ebenfalls in den Bergen und wir haben uns fast jeden Abend mit jemand anderem getroffen. Eine andere Destination, die ich dieses Jahr besuchen durfte, war Portugal. Mit meinen beiden Eltern habe ich einen sechstägigen Städtetrip nach Lissabon gemacht. Hier hatte ich ein langersehntes Wiedersehen mit dem Frühling! Temperaturen von bis über zwanzig Grad Celsius haben mich die ganze Woche über strahlen lassen. Ich habe mich auch etwas in die überschaubare Grossstadt verliebt, es gab so viel zu sehen in den verschiedensten Gassen. Irgendwie hat Lissabon auch etwas melancholisches... Es folgt im März ein Post über die schönsten Buchhandlungen von Lissabon, ihr könnt gespannt sein.



Mara: Auch ich durfte ein wenig verreisen und ein wunderschönes Wiedersehen erleben: ich war in Paris, und auch hier waren die Temperaturen ganz in Ordnung, aber das ist es ja nicht, was Paris ausmacht. Es gibt so viel zu entdecken in dieser Herzensstadt, und jeder Besuch bestätigt mir, dass ich ganz bald wiederkommen werde - es ist auch so schön praktisch von Zürich aus mit dem Zug! Mehr erzähle ich euch dann im März in einem eigenen Beitrag, wo auch viele bildhafte Impressionen ihren Platz finden - mal schauen, ob ich meine Liebe für die Stadt genug gut rüberbringen kann! Ansonsten habe ich auch ein wenig Zeit zu Hause oder in Zürich genossen, besonders am Fluss, wenn die Temperaturen fast wie in Lissabon 17 Grad auf der Anzeige erklommen. Ich habe diesen Monat viel Kreatives, viel Kultur hautnah miterleben können, war in einigen Ausstellungen und oft im Kino, habe aber auch zu Hause viel gelesen, geschrieben und gezeichnet. Ich freue mich aber auch schon wieder darauf, in den Alltag zu starten.



k o n z e r t e
Anaïs: Seit November war ich das erste Mal seit langem wieder an einem Konzert. Streng genommen war dieses Konzert im Januar, doch ich habe es erst nach unserem letzten Monatsrückblick besucht, deshalb nehme ich es in den Februar hinein. Die Band, die gespielt hat, war Cage The Elephant. Dieses Konzert war definitiv einmalig. Ich habe nie damit gerechnet, dass dieser Abend so verlaufen würde, wie er es eben tat. Ich kann mir das alles eigentlich auch nicht richtig erklären: Ich kannte nämlich eigentlich die Musik und die Lieder, aber irgendwie konnte ich sie nicht wiederkennen!! Ich kenne mich nicht so gut aus, aber ich würde sagen, das war fast schon ein Metal Konzert - ich habe nicht damit gerechnet. Aber mit der Zeit konnte ich mich auf das Pugen einstellen, mich auch auf die Musik einlassen und zum Schluss mit der Masse mitfeiern. Ich habe auch alte Freunde wiedergesehen und bin am Ende des Tages mit einem Lächeln eingeschlafen; das lag nicht zuletzt an meinen tollen Begleitungen.


Mara: Dann erzähle ich doch auch von einem Konzert, dass ich besuchen durfte, auch wenn es eine Premiere auf diesem Blog ist - jedenfalls kann ich mich nicht erinnern, zuvor schon von einem klassischen Konzert berichtet zu haben, deswegen bin ich auch nicht so in Übung und werde ich die ganze Geschichte nur ein bisschen anreissen, aber euch definitiv empfehlen. Wir haben nämlich Programmmusik gehört, was bedeutet, dass die Musik auf ein schriftliches Stück komponiert wurde, was in diesem Fall ein Gedicht war namens 'Verklärte Nacht', gleichnamig wie die Musik von Schöneberg für ein Streichsextett. Es hat mich unglaublich mitgenommen, diese circa dreissig Minuten von harmonischem Miteinander von Cello, Violine und mehr, und seither höre ich das Stück auch zu Hause immer wieder, wenn ich Lust auf klassische Musik habe - nichts kommt aber der unglaublichen Live-Aufführung nahe, denn die Emotionen auf den Gesichtern der Musiker_innen waren wunderschön abzulesen.


f i l m e
Anaïs: Im Februar war ich zweimal im Kino: La La Land und Mein Blinddate mit dem Leben habe ich gesehen. Auf unserem Blog findet ihr hier eine kleine Review dazu. Ansonsten habe ich endlich den Film von Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück gesehen, zum gleichnamigen Buch habe ich nämlich ebenfalls eine Rezension geschrieben (klick). Der Film war eigentlich recht nah am Buch und doch fand ich ihn nicht richtig gut, trotzdem hat er mir das Buch nicht verdorben, ich war einfach in einer etwas ungünstigen Verfassung.

Bildergebnis für la la land Bildergebnis für mein blind date mit dem leben Bildergebnis für hectors reise oder die suche nach dem glück

Mara: Diesen Monat hat es mich sehr oft ins Kino gezogen, ich habe mich auch mehr und mehr für Filmkunst interessiert und so gab es immer neue Anwärter, die ich schauen wollte, um sie hier auf dem Blog mit lobenden Worten zu küren. Besonders herausstreichen möchte ich einfach ein paar Highlights, zum einen 'Worlds Apart', welcher in Griechenland spielt und von den unterschiedlichen Krisen berichtet (und zwar unglaublich authentisch), aber sich eigentlich die Liebe zum Thema nimmt. Das funktioniert unter der Regie von Christoforos Papakaliatis unglaublich gut, welcher auch eine tragende schauspielerische Rolle hatte. Kann ich von Herzen nur empfehlen, mehr dazu aber in den Filmrezensionen des März'. Auch überzeugen konnte mich der Film 'Skizzen von Lou' von Lisa Blattner, einer Schweizerin, welche ebenfalls von der Liebe berichtet, aber auf ganz andere Weise, sehr feinfühlig und leise. Es gibt ja deutsche Untertitel, weswegen ich euch nur raten kann, den Film zu sehen! Auch sehr schön fand ich 'Nous 3 ou rien', welcher schon länger in den Kinos lief, ich aber erst jetzt sah. Es ist die Geschichte von einer Familie, die im Iran politisch verfolgt wurden und so nach Frankreich flüchten mussten, aber dort noch immer voller Einsatz für eine bessere Welt oder ein besseres Leben gewisser Menschen kämpfen - eine wahre Geschichte, die mich unglaublich berührt hat und mit sehr viel subtilem Witz erzählt wurde, was echt nicht leicht war. Hat mich definitiv überzeugt, aber auch hierzu in naher Zukunft mehr! Heute werden ja die Oscars gekürt, und ich bin sehr gespannt, ob es mein Liebling 'The Salesman' vom unglaublichem Asghar Farhadi, einem iranischen Regisseur, schaffen wird. Den Film habe ich ihm Rahmen des Zürcher Filmfestivals schon vor langer Zeit gesehen, sogar noch vor der Frankfurter Buchmesse, aber ich habe noch so viel davon im Kopf, weil er mich so berührt hat. Ein Film, der unter die Haut ging.


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b ü c h e r
Anaïs:

Die Attentäter, Antonia Michaelis
hier geht es zur Buchbesprechung

Liebe ist wie Drachensteigen, Ashley Herring Blake
Eine verzwickte Liebesgeschichte, spielt in den USA, süss, verträumt und voraussehbar. Der Schreibstil war sehr locker und die Lektüre definitiv etwas für zwischendurch mit durchaus wichtigen Messages für junge Leute. Eine Buchbesprechung folgt im März


Ich hasse dieses Internet, Jarett Benek
hier geht es zur Buchbesprechung

Selection - Die Krone, Kiera Cass
Der letzte Band der berühmten Selection Reihe ist gelungen und rundet die Serie schön ab - trotzdem nicht mehr ganz mein Lesegeschmack. Auch hier haben wir es eher mit einer Lektüre für zwischendrin zu tun. Ich möchte eigentlich mit diesem Science Fiction / Young Adult Roman abschliessen und mich anderen Büchern widmen, die mich doch um einiges mehr ansprechen.

Untenrum frei, Margarete Stokowski
In diesem Buch finden wir eine Sammlung von feministischen Essays. Die Gesellschaft wird stark kritisiert und das Buch öffnete mir die Augen in verschiedensten Hinsichten. Das Hauptthema ist wohl Sexismus im Alltag, der definitiv allzu dominant ist. Womöglich folgt auch hier eine Besprechung.

Daniel is different, Wesley Blake
Ein Jugendbuchroman der von einem Jungen handelt, der im Laufe der Geschichte herausfindet, dass er eine Zwangsstörung hat. Er leidet stark unter ihr und versucht verzweifelt normal zu sein. Ich finde es extrem wichtig, dass der Magellan Verlag sich immer wieder solche Themen annimmt. Eine Buchbesprechung folgt.



Mara:

Strangeland, Tracey Emin
...werde ich wohl in Zukunft noch besprechen, aber ich muss mich noch fassen. Das Buch fühlte sich wie ein Rausch an, und ich verehre Tracey Emin als Künstlerin nun wohl nur noch mehr, als ich es bereits zuvor tat.

Girls meets Boy, Ali Smith
Ali Smith wurde mir bereits so oft empfohlen und ich habe doch noch nichts wirklich von ihr gelesen. Im London im August 2016 habe ich dann dieses kurze Büchlein mitgenommen und nun endlich gelesen, und es hat mich total gepackt. Nicht nur erzählt es mal auf andere Weise von der Liebe, sondern ist nebenbei auch hochpolitisch, kreativ und auf spannende Weise mit einem alten griechischen Mythos verbunden.

Anleitung für eine Revolution, Nadja Tolokonnikowa
Pussy Riot hat mich schon immer fasziniert, Russland hingegen nicht so wirklich. Plötzlich ist aber die Kultur von dort, die auch unglaublich stark vom Land selbst geprägt ist, oftmals politisch, überall. Tolokonnikowas Buch habe ich schon einmal gelesen, aber ich wollte es für euch rezensieren, weshalb ich es nochmal las. Am Mittwoch folgt meine Rezension um 14 Uhr!

Brand New Ancients, Kate Tempest
Ich liebe gute Poesie und Kate Tempest mit ihrem unvergleichlichen Flow hat sich bei mir als Meisterin ihres Gebiets einen Lieblingsplatz erkämpft. Ihr erstes Lyrikband hat mir in der Sammlung noch gefehlt, weshalb ich ihn ohne zu zögern in meinem Lieblingsbuchladen 'Shakespeare and Company' in Paris mitnahm und sofort verschlang. Nur noch ein Beweis für ihr unglaubliches Talent.

1000 Peitschenhiebe, weil ich sage, was ich denke, Raif Badawi
Raif Badawi ist wohl allen ein Begriff. Der Blogger aus Saudi-Arabien wurde aufgrund seiner 'radikalen' Texte zu zehn Jahren Haft, 1000 Peitschenschlägen und einer Geldbusse verurteilt. Mir war es unglaublich wichtig, seine Texte zu lesen, um mir eine Meinung über ihn zu bilden, und das habe ich nun auch getan. Meine Gedanken sind sehr gespalten, ich habe sie für euch schon ausgeführt und die Besprechung könnt ihr genau hier am 12. März lesen.

Überlieben in 10 Schritten, Rachel McIntyre
Hier hört man dem Titel wohl an, dass ich das Buch wohl eher früher gelesen habe. Nächsten Monat warten aber drei Rezensionen aus dem Haus Magellan auf euch, weswegen ich euch dann erst mehr über dieses Buch erzählen werde. Grundsätzlich konnte es mich gut unterhalten, aber besonders aus pädagogischer Sicht hatte ich hier und da etwas anzumerken und kleine Kritikpunkte angesetzt.



a u s s t e l l u n g e n 
Anaïs: In Lissabon habe ich mehrere kleine Museen oder Schlösser besucht. Eines, das mir besonders  gut gefallen hat, möchte ich nun erwähnen. Im Centro Cultural de Bélem habe ich eine tolle Ausstellung gesehen, gezeigt wurden verschiedene Installationen, Bilder, Objekte und kleine Filme. Der Name ist sehr passend gewählt: Vision [dt: Vorstellung, Sehkraft, Traumbild]. Die Ausstellungsobjekte fand ich sehr kreativ und abwechslungsreich. Es wurde viel mit Licht experimentiert, da hingen aber auch riesige Fotografien und kleine Objekte standen mitten im Raum herum. Besonders gefallen hat mir beispielsweise die Idee, dass Porträts in rieeeesigen Bilderrahmen aufgehängt wurden. So konnte man beinahe jede Macke und jede Narbe erkennen, an Menschen, die man wohl ganz anders wahrnimmt, wenn man sie vor sich hat. Der Eintritt war kostenlos und die Installationen von verschiedenen Künstlern und Künstlerinnen.



Mara: Wie bereits erwähnt war ich in diesem Monat in einigen unglaublichen Ausstellungen. In Paris habe ich in der Fondation Louis Vuitton eine unglaubliche Sammlung an französischen Meistern gesehen (Monat, Manet, Picasso, Van Gogh, und noch viele mehr; ja, sie alle!), auch russische Suprematisten waren dabei (Malévitch und Rodchenko beispielsweise). So viele Wunderwerke nebeneinander zu sehen war wirklich unglaublich. Es handelte sich dabei um eine Privatsammlung eines russischen Herrn, die unter Stalin beschlagnahmt wurde und nun zum ersten Mal ausserhalb Russlands gezeigt wurde. Hat mich schwer beeindruckt, war aber in diesem Sinne auch nichts Neues. Hier gibt es auch einen guten Anhaltspunkt für die nächste Ausstellung, denn im Centre Pompidou habe ich 'Kollektsia!' gesehen, russische Kunst unter Stalin, und hier wurde experimentiert und ausprobiert, so viel hat mich unglaublich fasziniert und ich hätte gern viel, viel mehr Zeit dort verbracht. Auch im Centre Pompidou war eine grosse Ausstellung von Cy Twombly, ein Meister auf seinem Gebiet. Mehr komplexe Gedanken zu ihm und zu den anderen, genauso wie viele Bilder, folgen übrigens im Paris-Beitrag! Das Fotomuseum in Paris ist auch definitiv eine Besichtigung wert, wir haben dort ganz viele unterschiedliche, beeindruckende Ausstellungen gesehen, aber es würde den Rahmen sprengen, würde ich davon noch erzählen. Ebenfalls waren wir in einer sozial-politischen Ausstellung vom Hilfswerk 'Médecins sans Frontières', also französische Ärzte ohne Grenzen, die mich sehr begeistert hat. Wir haben den Katalog gekauft, und so werde ich vielleicht mal einen eigenen Beitrag dazu machen, denn diese Aufmerksamkeit hat diese Ausstellung definitiv verdient. In Zürich war ich wieder mal im der Photobastei, von der ich euch schon letztes Mal erzählt habe - ich mag es da eigentlich immer, und freue mich, unterschiedliche Photograf_innen und ihre Werke zu sehen. Jetzt dann gleich mache ich mich noch auf ins Fotomuseum Winterthur, wovon ich euch aber erst nächstes Monat berichten werde. Allgemein läuft in Zürich ausstellungstechnisch sehr viel Spannendes im Moment, ihr könnt also gespannt sein!


Cy Twombly, die 12 Jahreszeiten


Cy Twombly



Kollektsia!


Kollektsia!

the girls | buchbesprechung

22 Februar 2017

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Kalifornien, 1969. Evie Boyd ist vierzehn und möchte unbedingt gesehen werden – aber weder die frisch geschiedenen Eltern noch ihre einzige Freundin beachten sie. Doch dann, an einem der end-losen Sommertage, begegnet sie ihnen: den „Girls“. Das Haar, lang und unfrisiert. Die ausge-fransten Kleider. Ihr lautes, freies Lachen. Unter ihnen ist auch die ältere Suzanne, der Evie verfällt. Mit ihnen zieht sie zu Russell, einem Typ wie Charles Manson, dessen Ranch tief in den Hügeln liegt. Gerüchte von Sex, wilden Partys, Einzelne, die plötzlich ausreißen. Evie gibt sich der Vision grenzenloser Liebe hin und merkt nicht, wie der Moment naht, der ihr Leben mit Gewalt für immer zerstören könnte.



Ich wusste von Anfang an, dass es schwierig werden würde, 'The Girls' zu rezensieren. Das Buch verdient nämlich die viele Aufmerksamkeit, die es bekommen hat, und doch habe ich so viele Meinungen dazu durchgelesen und mein Empfinden wirklich nirgends wirklich gut reflektiert lesen können. Ich habe mir also bewusst Zeit gegeben, um wieder meinen eigenen Gedanken zum Bücher näherzukommen und das Gelesene auch etwas länger auf mich wirken lassen zu können. 'The Girls' spielt im Kalifornien der späten Sechziger Jahre, wir haben eine junge Protagonistin namens Evie Boyd und eine Rahmengeschichte, in der sie erstmal als ältere Frau auftritt. Das ist auch ein entscheidender Punkt in der Geschichte oder zumindest deren Erzählung, denn wir kommen nicht wirklich mit den naiven Gedanken der damals vierzehnjährigen Evie in Berührung, welche auf lange Zeit wohl klischeehaft und unglaubwürdig gewirkt hätten. Genau hier würde natürlich auch eine Schwierigkeit liegen, ihre stärker und stärker werdende Zuneigung zu diesem Kult realistisch und aus ihrer damaligen Sicht zu erzählen, aber Cline hat das dennoch galant geschildert. Denn im Gegenteil zu anderen Romanen, die in Sekten spielen, ist das Ganze hier viel authentischer und erinnert mich auch an viele Ansätze, die in unserer Kultur erhalten sind. Ich konnte mich unglaublich gut in Evie hereinversetzen, nicht nur, weil wir etwa das selbe Alter teilen, sondern auch mit ihren Gefühlen. Den Kult, den Cline in ihrem Debut beschreibt, existierte tatsächlich und hiess 'Manson Family' rund um den Anführer Charles Manson. Hier im Buch haben wir einen Russell. Der ist stark an Manson orientiert, vom knapp beschriebenen Äusseren bis zu seiner Musikleidenschaft. Evie fühlte sich in ihrer Familie ungeliebt und ungesehen und hatte auch nicht wirklich ältere Vorbilder, zu denen sie aufsah, und all das wurde ihr mit diesem Kult geschenkt, und noch dazu eine wichtige Erfahrung, die sie im späteren Leben zu der machen, die sie ist - sehr schön, dass wir das auch tatsächlich mitbekommen durch die Rahmenhandlung, die auch eine eigene Spannung besitzt und nochmals Clines Talent beweist.


Allerdings bezweifle ich, dass sich der Roman so sehr um Russell dreht, viel eher fühlt sich Evie nämlich von Suzanne angezogen, es ist nie ganz klar, auf welche Weise, aber genau das ist auch der springende Punkt - es geht um Evies Selbstfindung, egal ob in sexueller Hinsicht oder einer anderen. Und dieser Kult rettete sie gewissermassen vor spiessigen, einengenden Häuser und Familien, die sie auch so wahrnahm. Natürlich brachte er sie andererseits zu Drogen und ihr wurde auch viel Leid zugefügt, das sie damals aber willkommen entgegennahm, da sie sich im Kult verlieren konnte und auch ein bisschen sich selbst fand. Denn dieser Kult zelebrierte auch die freie Liebe, die alle für alle empfinden könne, er war auch eine Gegenbewegung zu der noch immer so stark präsenten Konsumgesellschaft. Ich möchte damit überhaupt nicht den Kult schönreden, und mir ist unglaublich stark bewusst, wie viel Schreckliches geschah und auch heute noch täglich im Rahmen von Sekten über die Bühne (oder eher im Backstagebereich) geht, aber ich sah in diesem Kult auch nicht wirklich die Verderbung von Evie. Die Thematik ist natürlich sehr intensiv, aber Cline schafft eine wunderschöne Balance, indem sie ebendiese Thematik mit einem poetischen und doch federleichten Schreibstil aufgreift, der zugegebenermassen ein bisschen gewöhnungsbedürftig ist, aber man wird dann auch belohnt. Ich möchte euch 'The Girls' ans Herz legen, wenn ihr euch für das Leben in Amerika interessiert, wenn ihr gerne vom Erwachsen-Werden und Sich-Selbst-Finden lest, aber auch, wenn ihr auf der Suche nach einem poetischen Roman mit viel Spannung sucht. Denn vor allem kombiniert 'The Girls' ganz viele unterschiedliche Elemente und behandelt und bedient eine grosse Bandbreite an interessanten Aspekten, und das wirklich gut aufgearbeitet. Ein faszinierendes Debut, anders kann ich es nicht bezeichnen - ich bin sehr gespannt, was folgen wird aus Emma Clines Feder.



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